Klaus Schütz

Eine halbe Stadt regieren

Joachim Heise Meine Damen und Herren, ich darf Sie recht herzlich zu unserem »Abendgespräch über Gott und die Welt« begrüßen. Wir freuen uns, dass Dr. Klaus Schütz, Regierender Bürgermeister a. D., unserer Einladung gefolgt ist. Neu in dieser Runde ist Ko-Moderator Professor Ralf Rytlewski. Das hat zwei Gründe: zum einen ist Professor Rytlewski Vorsitzender unseres Trägervereins, zum anderen Leiter des Arbeitsschwerpunktes Berlin-Geschichte an der FU Berlin. Einige unter Ihnen werden ihn in letzter Zeit öfter gesehen oder gelesen haben – er war ein gefragter Gesprächspartner, als es um die Berliner Wahlen ging. Wir haben uns mit Herrn Schütz verständigt, wie wir die Schwerpunkte setzen. Wir werden im Wesentlichen seiner Biografie folgen und die wichtigsten Stationen seines Lebens mit ihm diskutieren.
Ich habe bei den Recherchen festgestellt, dass der Halbsatz: »… und das ist auch gut so«, der jetzt in aller Munde war, nicht von Klaus Wowereit ist, sondern von Klaus Schütz. Es gibt nämlich den Satz: »Ich bin Klaus Schütz, und das ist gut so« – und der ist nicht jetzt gesagt worden, sondern 1992. Eigentlich müsste man die Urheberrechte klären …
Klaus Schütz Damit beschäftigte sich vor einem dreiviertel Jahr eine Glosse im Tagesspiegel – ich könne meine Rechte einklagen. Das will ich in der Tat überlegen, obwohl bei Wowereit das »auch« hinzugekommen ist. Der Satz, so wie ich ihn gebraucht habe, ist sicher sehr viel älter. Ich musste in meiner Amtszeit sehr oft mit Journalisten reden und die machten sich langsam lustig darüber, dass ich bestimmte Sachen immer wiederholte. Es hatte sich bei mir dieses »das ist gut so« eingebürgert. Es gab sogar das Gerücht, ich hätte irgendwo bei einem Begräbnis gesagt: Herr sowieso ist tot, und das ist gut so.
Interessanterweise traf ich Walter Momper zwei oder drei Tage, nachdem Wowereit »seinen« Satz gesagt hatte, bei einer Beerdigung in Spandau und er fragte: »Hast Du in der Veranstaltung, in der Wowereit gesprochen hat, in der ersten Reihe gesessen? Der kann doch eigentlich nur darauf gekommen sein, weil er dich gesehen hat.« Aber ich war nicht dort.
Joachim Heise Nun zum Biografischen: Klaus Schütz hat am 17. September seinen 75. Geburtstag gefeiert. Er ist in Heidelberg geboren, aber Berliner aus Leidenschaft. Sein Vater war Rechtsanwalt und ist 1941 vor Moskau gefallen. Klaus Schütz war Flakhelfer, war im Reichsarbeitsdienst, wurde 1944 Soldat und ist in Italien kurz vor Kriegsende schwer verwundet worden. Er hat 1946 sein Abitur gemacht und danach Germanistik, Geschichte und Politische Wissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin studiert. Von 1949 bis 1950 war er an der Harvard-Universität. Nach seiner Rückkehr setzte er sein Studium der Germanistik an der FU fort. Er war von 1951 bis 1961 Assistent am Institut für Politische Wissenschaften der FU und besonders auf das Problem Wahlen und Wahlkampfmethoden spezialisiert. 1954 wurde er ins Abgeordnetenhaus gewählt, 1957 in den Bundestag. Von 1956 an war er Mitglied des engen Kreises der Vertrauten um Willy Brandt.
1961 bis 1966 war er Senator für Bundesangelegenheiten, danach Staatssekretär im Auswärtigen Amt bei Willy Brandt, der damals Außenminister in der großen Koalition war. 1967 bis 1977 war Klaus Schütz Regierender Bürgermeister und damit zu West-Berliner Zeiten einer der am längsten am Stück amtierenden; Diepgen hat diesen Rekord dann überboten. 1971 war er maßgeblich am Berlin-Abkommen beteiligt. 1977 ist er aus diesem Amt ausgeschieden. Ihm wurde da-mals unter anderem Führungsschwäche vorgeworfen.
1977 wurde er Botschafter in Israel, 1981 Intendant der Deutschen Welle. 1987 bis 1993 war er Direktor der Landesanstalt für Rundfunk in Nordrhein-Westfalen, danach Präsident des Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes Berlin. Herr Schütz ist verheiratet und hat drei Kinder. Ist das soweit richtig?
Klaus Schütz Meine Korrekturen betreffen nur Details. Ich habe einen Reifevermerk, aber keine Abiturprüfung gemacht – das ist einer der Vorteile des Jahrgangs 1926. Einer meiner Freunde, Wolf Jobst Siedler, Verleger in Berlin, hatte im Januar seinen 75. Geburtstag. Ich habe die Laudatio gehalten und konnte sagen, dass er ähnlich wie ich in seinem Leben nur zwei Prüfungen absolviert hat: die Pimpfenprobe beim Deutschen Jungvolk und die Fahrprüfung. Es gibt eine Jahrgangsgruppe, die nie in richtige schulische Prüfungen hineingekommen ist. Meine Kinder haben mir immer vorgeworfen, ich hätte das Leben nie so richtig kennengelernt und wüsste nicht, wie das ist, wenn man durch Prüfungen hindurchgeht.
Irgendwann wollte ich das Abitur nachmachen, stellte aber auf dem Paulsen-Gymnasium für Jungen in Steglitz fest, dass auf meinem Abgangszeugnis der Reifevermerk steht. Ich habe mich dann im Januar 1946 an der Berliner Universität eingeschrieben. Dort wurde mein Zeugnis akzeptiert und danach sah ich keine Notwendigkeit mehr, meine Abiturprüfung nachzuholen.
Joachim Heise Ich möchte noch etwas zu Ihrer Jugend sagen. Sie schreiben selbst, dass Sie in ihrer Jugend auf andere uninteressiert wirkten, einen gelangweilten Eindruck machten und sich überheblich und arrogant darstellten. Sind das Eigenschaften, die Sie von Ihrer Jugend an mittragen bis in Ihre höheren Tage?
Klaus Schütz Mit solchen Eigenschaften muss man leben und ich habe damit auch gar kein großes Problem. Hauptsache, man kommt mit den Menschen, mit denen man gern zusammen ist, so zurecht, wie man zurechtkommen will. Ich mag eine gewisse Distanz. Ich habe persönlich nur ganz wenige Freunde; außerdem habe ich immer schon gesagt: Wer meint, er habe mehr Freunde als Finger an einer Hand, der irrt sich möglicherweise. In Parteien und Organisationen wird immer von Freundinnen und Freunden gesprochen und man wird ent-sprechend angeredet. Ich bin da immer mit etwas mehr Distanz herangegangen. Ich habe allerdings ein paar Freunde, mit denen ich intensiven Kontakt habe.
Das liegt auch ein bisschen an der Art, wie wir damals gelebt haben. Ich bin 1936 auf die Paulsen-Schule gekommen und dort haben wir alle eine bestimmte schnoddrige Art mitbekommen. Keiner von uns war im Widerstand, aber mit uns konnten die Nazis nicht viel anfangen, weil wir uns auf schnoddrige Weise lustig machten. Mein vorhin genannter Freund Wolf Jobst Siedler ist durch solche Quatschereien, die in unserer Generation gang und gäbe waren, vors Kriegsgericht gekommen und fast noch verurteilt worden. Wenn ich Bekannten, die nicht in Berlin auf vergleichbare Schulen gegangen sind, aus dieser Zeit erzähle, staunen sie. Ich bin nie über Rassenkunde im nationalsozialistischen Sinne informiert, unterrichtet oder befragt worden. Das war nicht deshalb so, weil wir etwas Besonderes waren, sondern weil man sich nicht traute, etwas, was man selber wohl nicht ganz verstanden hatte, weiterzugeben oder abzufragen.
Ich mag eine gewisse Distanz und habe auch immer Wert darauf gelegt, dass sie von anderen respektiert wird. Ich habe sie bei anderen auch respektiert.
Joachim Heise Das kommt in den einzelnen Lebensetappen immer wieder zum Tragen. Den nächsten Teil haben wir überschrieben: »An der Seite Willy Brandts«.
Ralf Rytlewski Willy Brandt war eine Lichtgestalt in der Berliner Zeit und auch auf Bundesebene; ein Mann, der viele Menschen um sich versammeln konnte, faszinierend war. Er ist sehr früh auf Sie aufmerksam geworden. Sie sind sehr früh in die Politik gegangen und haben sehr früh Positionen übernommen – mit 27 Jahren waren Sie Kreisvorsitzender der SPD in Wilmersdorf. Zusammen mit Willy Brandt haben Sie dafür gearbeitet und gekämpft, die Berliner SPD auf so etwas wie einen »Mitte-Kurs« zu bringen. Dazu muss man wissen, dass die SPD der Nachkriegszeit und in gewisser Weise bis in die Gegenwart hinein mit mindestens zwei Flügeln operierte. Im Moment ist es diesbezüglich etwas ruhiger geworden, aber Sie haben die unruhigen Zeiten voll erlebt. Sie waren dabei, ein Spezialist für Wahlkämpfe zu werden und haben in den USA den Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon beobachtet, der damals weltweite Aufmerksamkeit auf sich zog. Die Ereignisse mündeten in das Jahr 1961. Sie waren im Jahr des Mauerbaus Wahlkampfleiter des Kanzlerkandidaten Brandt. Wie stellte sich die Situation vor dem Mauerbau, zur Zeit des Mauerbaus, nach dem Mauerbau dar – war der Wahlkampf damit erledigt, war alles lahmgelegt?
Klaus Schütz Aus der Gegenwart betrachtet sieht man in Willy Brandt mit einer gewissen Einseitigkeit und Verklärung den Nobelpreisträger, den Kanzler, den Parteivorsitzenden. 1947 war er auch schon etwas Besonderes: Er war Vertreter des Parteivorstandes, er kam aus dem Exil, er sah ganz anders aus – wir waren alle ein bisschen geschlagener. In dieser Situation war er schon von sich aus eine Lichtgestalt. Er konnte reden. Er hat sich junge Leute gesucht und wir haben uns abende- und nächtelang durch die Berliner SPD geprügelt – geistig gesehen.
Brandts Aufstieg in der Partei verlief nicht geradlinig. Er ist zweimal bei Wahlen für den Vorsitz durchgefallen. Ich bin in meinem Leben bei Wahlen öfter durchgefallen als er, aber mich hat das seelisch nie so mitgenommen. Ihn hat es immer sehr getroffen. 1954 und 1956 ist er zweimal bei Wahlen zum Parteivorstand für die Gesamtpartei durchgefallen. Ich habe neben ihm gesessen, als das Ergebnis bekannt wurde. Der gesamte Parteitag war in München auf dem Starnberger See auf einem Dampfer unterwegs. Die Zählkommission hatte zwar feierlich versprochen, dass sie nichts bekanntgibt, aber dann sickerte doch durch, dass Brandt durchgefallen war. Da hat er geweint; das hat ihn ungeheuer getroffen.
Es war eine Zeit großer Auseinandersetzungen. Wir sind durch die Kämpfe der Organisation hindurchgegangen, haben Menschen kennengelernt und uns mit ihnen auseinandergesetzt. Wir sind in dieser Zeit in dem Sinne befreundet gewesen, wie man mit ihm und mit mir befreundet sein kann – mit gewissen Distanzen.
Es war schwierig, den Wahlkampf für Willy Brandt zu organisieren. Er hatte sich zwar in Berlin durchgesetzt, hatte das Chruschtschow-Ultimatum 1958 durchgestanden, war eine Weltfigur geworden – aber er war immer noch umstritten in der SPD. 1960 wurde er auf einem Parteitag in Hannover zum Kanzlerkandidaten, diesen Begriff gab es vorher nicht, gewählt. Ich war damals sehr gut befreundet mit zwei, drei engen Mitarbeitern vom damaligen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer. Der hatte in seinem Freundeskreis ungefähr sechs Wochen vor dieser Wahl gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass jemand, der nicht Parteivorsitzender ist, Kanzlerkandidat werden kann. Wir haben damals auf einem Treffen der Jüngeren innerhalb der SPD in Barsinghausen – Helmut Schmidt galt damals als jünger und Jochen Vogel und wie sie alle hießen – beschlossen, die Kanzlerkandidatur Brandts dennoch zu ermöglichen. Es war also nicht so, dass Brandt wie ein Sunnyboy aufmarschiert ist und alle haben gesagt: Endlich haben wir einen, der das strahlend macht.
Nun zur Situation 1961. Ein Großteil von Ihnen wird sich erinnern, wie die Situation 1961 mit den außergewöhnlich ansteigenden Flüchtlingswellen aus der damaligen DDR und aus Ost-Berlin war. Das war ein großes Problem für die Führung in Ost-Berlin und das war auch ein administratives Problem für uns. Wir mussten die Menschen versorgen, nach Westdeutschland bringen usw. Das hat alles ganz gut geklappt.
Trotzdem haben wir uns natürlich gefragt, wie der Osten das durchhalten will. Es gab eine Reihe von Modellen, die diskutiert wurden, wie der Osten wohl auf die angespannte Situation reagieren würde: vielleicht würden Extra-Ausweise in den Bezirken ausgegeben, mit denen man nicht in den Westen reisen konnte. Wir sind nicht auf den Gedanken gekommen, dass der Vier-Mächte-Status der Stadt so eklatant verletzt werden würde, wie das unserer Meinung nach mit der Grenzziehung, der der Mauerbau folgte, geschah. Wir hatten ja schon zwei Administrationen in der Stadt – wir hatten einen Oberbürgermeister in Ost-Berlin und den Regierenden Bürgermeister in West-Berlin. Wir hatten eine offene Grenze, die immer mal wieder durch Kontrollen etwas behindert wurde. Wir gingen da-von aus, dass die Ostseite diesen Status nicht ändern könnte.
Wir hatten im Grunde genommen zwei Fehleinschätzungen: Wir dachten zum einen, die Sowjets würden eine so eklatante Verletzung des Vier-Mächte-Status nicht akzeptieren und höchstwahrscheinlich deshalb ihren DDR-Leuten nicht die Erlaubnis für eine solche Maßnahme erteilen. Zum anderen haben wir gedacht, die Amerikaner würden sich das nicht gefallen lassen. Das erste musste man akzeptieren, das zweite führte zu einem bösen Brief Brandts an Kennedy.
Joachim Heise Vielleicht kommen wir noch einmal auf die Nacht vom 12. zum 13. August 1961 zurück. Wenn ich richtig informiert wurde, saßen Sie mit im Wahlkampfzug.
Klaus Schütz Es war das erste Mal, dass wir so einen schicken Zug hatten. Nach Kaiser Wilhelm fuhr in diesem Zug schon alles unterschiedlichster Couleur, was Rang und Namen hatte. Der Zug hatte schöne Wagen und schöne Betten.
Joachim Heise Und eine schöne Bar.
Klaus Schütz Das gehörte bei Willy Brandt dazu … Wir hatten ein großes Treffen der deutschen Sozialdemokraten in Nürnberg hinter uns. Die Stimmung war gut. Am nächsten Morgen wollten wir in Kiel den Bundestagswahlkampf im eigentlichen Sinne eröffnen. Vorher hatten wir Kampagnen geführt – jetzt sollte es richtig losgehen. Wir sind in unsere Betten gegangen. Um fünf oder sechs Uhr früh hat der Zug in Hannover-Hauptbahnhof gehalten und der Bahnhofsvorsteher kam und holte uns raus. Willy Brandt telefonierte mit dem Chef der Senatskanzlei – das war damals Heinrich Albertz, der spätere Regierende Bürgermeister. Der sagte ihm, dass in Berlin eine Grenze gezogen wird. Wir verließen den Zug und flogen mit der nächsten Maschine nach Berlin. Ich erinnere mich, dass im Flugzeug Menschen zu uns kamen und Rat von uns wollten, wie sie ihre Verwandten in der DDR nun besuchen sollten, denn viele durften nicht über die westdeutsche Grenze in die DDR einreisen, aber über West-Berlin, und auch das schien nun nicht mehr möglich zu sein. Wir konnten ihnen keinen Rat geben, wurden aber auf diese Weise hautnah mit der Realität konfrontiert. Wir mussten den Wahlkampf für drei bis vier Wochen einstellen. USA-Vizepräsident Johnson kam nach Berlin, die amerikanische Präsenz wurde verstärkt.
Anschließend führten wir einen völlig veränderten Wahlkampf. Nachmittags sind wir mit einem englischen Propellerflugzeug – wegen des Status von West-Berlin konnten wir keine deutsche Maschine nehmen – nach Westdeutschland geflogen und haben dort in großen Städten der gesamten Bundesrepublik außergewöhnlich große Kundgebungen durchgeführt. Nachts sind wir dann zurückgeflogen, haben unseren Whisky getrunken und Brandt hat seinen Sekretärinnen etwas diktiert oder wollte noch etwas loswerden usw.
aus dem Publikum Im Gegensatz zu Brandt hat Adenauer in den zwölf Tagen nach dem Mauerbau fleißig Wahlkampf geführt …
Klaus Schütz Er kam nicht nach Berlin, was ihm sehr übelgenommen worden ist, zudem hat er einige sehr verunglückte Formulierungen gebraucht.
Ralf Rytlewski Sie haben vorhin den Brief von Brandt an Kennedy erwähnt. Was war der Tenor?
Klaus Schütz Der Tenor war relativ einfach. Brandt sagte: Wir wollen endlich mit diesem Wortgeklingel aufhören, wir wollen Taten sehen. Kennedy war aber noch nicht lange im Amt, außerdem in den USA noch immer umstritten und ein bisschen unter dem Verdacht, nicht stark genug zu sein. Er hatte ein Treffen mit Chruschtschow in Wien und der hat dort laut Protokoll Veitstänze aufgeführt. Ich kenne viele Protokolle von Begegnungen dieser Art, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen. Kennedy war sehr gut in seiner Antwort, aber nach außen wurde auch durch die amerikanische Presse der Eindruck vermittelt, dass er wie ein grüner Junge von einem richtigen Mann abgefertigt worden wäre. Vor diesem Hintergrund hat Kennedy der Brief von Brandt sehr getroffen, weil er in die Zeitungskampagne passte, die Kennedy zum Weichling machen wollte. Er hat daraufhin eine zusätzliche Militärbrigade hergeschickt und seinen Vizepräsidenten und General Clay.
Aus der Zeit dieses Besuches von Johnson gibt es eine Geschichte: Johnson sammelte Aschenbecher. Er sah einen schönen Aschenbecher von der Königlich Preußischen Porzellan-Manufaktur und fragte: »Wieviel kostet der?« Der kostete um die zwanzig Mark und Johnson wollte fünfzig davon haben, um sie in Wa-shington an seine Besucher zu verschenken. Der Verkäufer sagte ihm, dass das nicht möglich sei. Johnson sagte daraufhin: »Kennen Sie diesen Herrn da?« Er wies auf Brandt. »Ja, natürlich kenne ich den!« »Wer ist es?« »Das ist der Regierende Bürgermeister von Berlin.« »Gehen Sie zu ihm und sagen ihm, was er an meinen Präsidenten geschrieben hat: no words but action!«
Joachim Heise Ich dachte, Johnson hat in Berlin Schuhe gekauft.
Ralf Rytlewski 1967 wurden Sie zum Regierenden Bürgermeister gewählt und ich denke, wir sollten uns ein wenig mit ihrer Art der Stadtpolitik befassen: Sie waren zehn Jahre in der Verantwortung dieses Amtes und über diesen Zeitraum gibt es ganz unterschiedliche Einschätzungen – man könnte A und B unterscheiden.
A würde sagen: Die West-Berliner Politik war völlig okkupiert von außen-, innen- und sicherheitspolitischen Fragen; über deren Bearbeitung ist die klassische Stadtpolitik – Verkehrspolitik, Polizeifragen, Wohnungswesen, Schulen, Universitäten – nicht zur Blüte gekommen, sondern führte ein Schattenleben.
B würde sagen: Die West-Berliner Stadtpolitik befasste sich derartig mit Fragen von Polizei und Schulen, Wohnungswesen usw. – den internen Belangen der Stadt –, dass sie darüber provinzialisierte, dass Stadtfilz entstand und die Sozialdemokratie so eine Art Hegemonie in der Weststadt ausübte, darüber aber in einen allmählichen Prozess des Niedergangs geriet. Man hätte sich nur dem Überleben der Stadt im alltäglichen Sinne gewidmet und die außen- und sicherheitspolitischen Dinge im Grunde den Alliierten und den Regierungen in Bonn und Ost-Berlin überlassen.
Das sind zwei konträre Thesen; wie häufig, wird die Wahrheit weder bei A noch bei B liegen. Wie ist Ihre Sicht darauf?
Klaus Schütz Ich bin eigentlich nicht aus eigenem Antrieb heraus nach Berlin gekommen. Ich war gerade mal zehn Monate Staatssekretär im Auswärtigen Amt; zu meiner Zeit war das die zentrale Stelle unterhalb des Ministers. Der Minister und die Bundesregierung haben die Entscheidung darüber getroffen, ob China in die UNO aufgenommen wird. Wie hoch der Kredit für Indonesien sein würde, hat der Staatssekretär, natürlich in Zusammenarbeit mit anderen, entschieden. Es war eine der interessantesten, wichtigsten, entscheidungsträchtigsten politischen Positionen, die ich dort wahrnahm. Gleichzeitig hatte ich die gesamte Personalpolitik des Amtes und der vielen Botschaften zu verantworten, wobei mir ein sehr guter Personalapparat zur Verfügung stand, mit dem man besser umgehen konnte als in anderen Ministerien. Es gibt ja Mitbestimmung im öffentlichen Dienst, aber die war im Auswärtigen Dienst relativ, denn sie konnten mit derselben Rangstufe Botschafter in Somalia sein oder die Briefmarken des Auswärtigen Amts auf ihre richtige Abrechnung durchzählen.
Ich war relativ jung auf diesem Posten und das war damals recht selten. Ich konnte ziemlich frei schalten und walten. Zudem war es eine politisch außergewöhnliche Zeit. Die atlantische Vertragsgemeinschaft nahm eine entscheidende Wendung in ihrem Verhältnis zu Osteuropa. Es gibt darüber einen zentralen Bericht, in dem auch mein Name steht. Ich sage das alles nicht, um mich zu berühmen – was sicherlich auch von Zeit zu Zeit geschehen sollte. Ich wollte darstellen, dass ich in einer wirklich guten Position war – und in dieser Situation ka-men nun alle möglichen Leute aus Berlin und sagten: Du musst den Job machen; wir haben keinen anderen, der das könnte!
Joachim Heise War das auch Brandts Meinung?
Klaus Schütz Einige in Bonn waren wütend dagegen, dass ich weggehe – beispielsweise Herbert Wehner, zu dem ich immer ein distanziertes Verhältnis hatte. In Berlin ging alles drunter und drüber. Ich fuhr zu Willy Brandt in seinen bayerischen Kurort. Er machte gern Kuren und Ferien und das war ja auch ganz vernünftig. Wir besprachen uns, dann setzte er sich hin und die Kamerateams kamen und er sagte den schönen Satz: »Wenn die Berliner ihn haben wollen, sollen sie ihn kriegen.«
Damit war ich Regierender Bürgermeister von Berlin und musste mich jetzt mit Sachen auseinandersetzen, die ganz anders gelagert waren als die, denen mein bisheriges Hauptinteresse gegolten hatte. Ich musste mich natürlich mit gesamtpolitischen, sicherheitspolitischen und ähnlichen Fragen auseinandersetzen; außerdem war es in West-Berlin so, dass immer, wenn irgendetwas nicht klappte, die Sache auf dem Tisch des Regierenden Bürgermeisters landete. Das bedeutete, dass ich auch den kommunalpolitischen Dingen nicht weglaufen konnte – ich wurde sogar hauptsächlich von ihnen beansprucht.
Ungefähr seit Beginn der 1950er Jahre hatte sich die Berliner Politik intern darauf verständigt, intensiv daraufhin zu arbeiten, die drastischen Unterschiede der Lebensverhältnisse zwischen den Verwaltungsbezirken aufzubrechen und auf-zulockern. Natürlich können nicht alle leben, wie in Dahlem oder im Grunewald gelebt wird, aber man musste auch im Wedding und in Neukölln ein vergleichbares Lebensgefühl schaffen. Glücklicherweise wurde dieses Ziel von allen politischen Kräften vorangetrieben, also auch in Zeiten der großen Koalition.
Zum Stichwort Provinzialismus: Ich war nie der Meinung, dass wir besonders provinziell waren. Faktisch war es so, dass sich die Bundesrepublik in Verträgen verpflichtet hatte: Für die Sicherheit sorgen die drei Mächte – für die Lebens-fähigkeit sorgt die Bundesrepublik. Sie musste alle sinnvollen Forderungen aus Berlin, die die Lebensverhältnisse der Stadt auf eine bestimmte Stufe bringen sollten, erfüllen – und das hat auch jede Bundesregierung getan.
Joachim Heise Die Berliner Morgenpost hat damals getitelt: »Ein Macher auf Ernst Reuters Stuhl«. Fühlen Sie sich damit richtig charakterisiert? Auch andere meinen, dass Sie sehr unideologisch wären.
Klaus Schütz Ich weiß nicht, ob ich der Typ Macher bin – den Ruf hatte eigentlich Helmut Schmidt. Zu der zitierten Schlagzeile muss ich sagen: Ich halte Ernst Reuter für einen der wenigen großen Männer, die ich in meinem Leben getroffen habe. Ich habe viele gesehen, aber dies war einer der Großen. Ein Schweizer Kulturphilosoph hat gesagt, dass man große Männer daran erkennt, dass die Dinge anders gelaufen wären, wenn sie nicht gewesen wären. Das gilt für die Person Ernst Reuters – wenn er nicht gewesen wäre, wären die Dinge in Berlin und um Berlin anders gelaufen. Deshalb kommt mir der Vergleich der Morgenpost etwas unbescheiden vor.
Ich war schon immer auf Ergebnisse orientiert. Ich bin ja jetzt Präsident eines etwas in Schwierigkeiten geratenen Roten Kreuzes in Berlin. Als ich vor fünf Jahren meine erste Sitzung geleitet habe, war diese nach einer halben Stunde zu Ende. Man sah mich erstaunt an und meinte, das habe man noch nie erlebt. Ich bin sehr dafür, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Ralf Rytlewski Ich will noch einmal nachfassen: Sie haben auf dem reuterschen Stuhl eine Politik des sozialen Ausgleichs zwischen den Stadtbezirken und Quartieren fortgesetzt, die schon früher begonnen hatte. Dennoch haben auch Sie Wahlen verloren, was nicht unbedingt Ihrer Person anzurechnen ist. Insgesamt war ein Auszehrungsprozess in der Sozialdemokratie zu beobachten, eine Kontinuität des Niedergangs von Wahl zu Wahl. Womit hing das zusammen?
Klaus Schütz Die erste Gesamtberliner Wahl fand 1946 mit einem sehr guten Ergebnis für die Sozialdemokraten statt; es war aber kein West-Berliner Mehrheitsergebnis, das kam aus Ost-Berlin. Dann gab es die Blockadewahl unter Reuter mit einem Ergebnis von ungefähr 58 Prozent für die SPD. Dann ging es runter und die SPD verlor im Jahre 1950 zum ersten Mal ihre Mehrheit und ging in die Opposition. Dann kam die Normalisierung und dann kam die 1954er Wahl. Die SPD gewann haarscharf, weil die damals das erste Mal kandidierende NPD in Gesamt-Berlin zwar unter fünf Prozent blieb, aber dennoch über vier Prozent holte. Damit konnte Otto Suhr Regierender Bürgermeister werden. Nach dem Tod Suhrs wurde Brandt sein Nachfolger. Es folgte die außergewöhnliche Berlin-Krise mit dem Chruschtschow-Ultimatum von 1958 und nach 1961 die Krise nach dem Mauerbau. In diesen tiefen Krisen ist Brandt gewählt worden und zu einer Gestalt der Weltpolitik aufgestiegen.
Es war uns aber allen klar, dass dieser Zustand nicht zu halten war und dass ein gewisser Abnutzungsprozess einsetzen musste. Ernst Reuter hat damals gesagt: Ich muss hier Weltpolitik machen mit einer Stadtverordnetenversammlung von Dortmund. Das war nicht gegen die Personen gerichtet, sondern bezog sich auf die besonderen Berliner Verhältnisse: Man musste in einer insgesamt kritischen Situation mit sehr beschränkter personeller Ausstattung gleichzeitig das Verhältnis zu den drei Mächten und zur Bundesregierung regeln.
Neben Abnutzungserscheinungen kommt es dabei zu personellen Ver-pflichtungen, die man auch als »Filz« bezeichnet. Dieses alles hat sich dann zunehmend in den Wahlergebnissen niedergeschlagen. Und ich sage das jetzt mal nicht mit der bekannten Arroganz: So toll war das Personal, das die anderen Parteien gestellt haben, auch nicht.
Joachim Heise In Ihrer Zeit als Regierender Bürgermeister hat die Stadt gebrodelt. Die Studentenunruhen waren im vollen Gange. Einige erinnern sich vielleicht an die Parole: »Brecht dem Schütz die Gräten – alle Macht den Räten!« Wie sind Sie damit umgegangen?
Klaus Schütz Mit Distanz und einer gewissen Arroganz. Da führten auf einmal Leute ihre Tänze auf, die heute wieder normal und in der Bundesregierung sind. Damals verkündeten diese Leute Thesen über internationale wie nationale Politik, die heute jeder für abenteuerlich hält. Aber das waren nach unseren Gesetzen erwachsene Menschen, die heute nicht einmal mehr erklären können, wie das alles passiert ist. Ich habe das Gespräch mit ihnen nicht abgelehnt. Ich habe mich der Dis-kussion gestellt – in der Kirchlichen Hochschule, an der Freien Universität usw. Das Ganze hatte eine von Anfang an komplizierte Note dadurch, dass sich vieles um Vietnam drehte, womit die zentrale Schutzmacht der Stadt betroffen war. Die Arbeiter in den großen Betrieben standen der Studentenbewegung verständnislos gegenüber. Die hatten ihre politischen Ängste und sahen, dass Leute nach Berlin kamen, die mit der Stadt eigentlich nichts zu tun hatten, aber sich hier betätigten.
Es wurden Universitätsgesetze geschaffen, die besagten, dass der Regierende Bürgermeister alle Kuratorien der Hochschulen und Universitäten leiten muss. Ernst Reuter kam einmal im Jahr an die Freie Universität und hörte sich an, dass die Herren zu wenig Geld bekämen und erklärte ihnen, dass er versuchen wird, etwas zu machen. Dann ging er nach Hause. Ich hingegen musste dort stundenlang Kuratorien leiten – Gott sei Dank ist das nach einer Weile abgeschafft worden.
Es war immer so in Berlin: Wenn irgendwo irgendetwas nicht funktioniert, rennt man sofort an die Spitze und sagt: Du musst das regeln. Lediglich Walter Momper hatte sich dem in einer Situation entzogen. Es gab einen Kindergartenstreik und man kam zu ihm. Er sagte: Es gibt in unserer Verfassung Verantwortlichkeiten von Senatsmitgliedern – gehen Sie zur Senatorin für Jugend und Sport.
Joachim Heise Dann gab es Terror – Lorenz, Drenkmann, die Entführung von Schleyer. Im Fall Lorenz haben Sie damals die Haltung der Bundesregierung nicht geteilt.
Klaus Schütz Im Zusammenhang mit der Entführung von Peter Lorenz hatte ich meinen einzigen richtig tiefgehenden Streit mit Helmut Schmidt. Schmidt war der Meinung, man sollte den Forderungen der Terroristen nicht nachgeben. Es gab eine Nachtsitzung des Krisenstabes mit der Führung der Parteien in Bonn. In der CDU war man – auch vor dem Hintergrund der bevorstehenden Wahlen in Nordrhein-Westfalen – der Meinung, dass man Lorenz unbedingt freibekommen müsste. Schmidt sagte: Ich fasse zusammen – die CDU ist für schwaches Nachgeben. Ich sagte: Der Senat von Berlin fordert genau wie die CDU, dass wir diese Sache mit positivem Ausgang für Herrn Lorenz beenden. Es kam zu heftigem Streit mit Helmut Schmidt. Nachher sagte er, er wäre nicht gut in Form gewesen und hätte wohl ein bisschen Grippe gehabt, die in Bonn gerade umging.
Im Zusammenhang mit der Entführung von Hanns Martin Schleyer zwei Jahre später war ich von Anfang an der Meinung und bin es auch heute noch, dass man sie auch anders hätte beenden können. Es gab schwere Fahndungsfehler. Wären sie vermieden worden, hätte Schleyer befreit werden können. Die Wohnung, in der er gefangengehalten wurde, war bekannt, aber die entsprechenden Hinweise wurden nicht ernst genommen. Der Sohn von Schleyer hat versucht, mit einem Koffer voll Geld die Angelegenheit von Paris aus über Rechtsanwälte zu regeln – das hat ihm die Bundesregierung verwehrt. Er wandte sich an das Bundesverfassungsgericht und dieses entschied sich für den Staat. Ich war und bin auch heute noch der Meinung, dass man sich für die Person entscheiden muss.
Im Fall Lorenz habe ich damals meiner Frau gesagt, dass ich, wenn Lorenz getötet wird, sofort zurücktrete. Ich war der Meinung, dass man einen solchen Vorfall im Amt nicht durchsteht und wäre dann schon früher abgetreten.
Joachim Heise Wir werden noch ein anderes Problem anschneiden: Günter Gaus, den wir auch schon als Gast in dieser Gesprächsreihe hatten, hat über Ihr Verhältnis zur SPD formuliert: Die Partei von Klaus Schütz heißt Klaus Schütz. Was meinte er damit?
Klaus Schütz Mit Günter Gaus verstehe ich mich schon lange ganz gut. Wir haben immer unterschieden zwischen der Gerechtigkeitspartei und der Liebespartei. Gerecht sind alle, aber die Leute, die zu einer Liebespartei gehören, helfen sich wechselseitig. Er hat mir und ich habe ihm mitunter geholfen.
Die von Ihnen zitierte Bemerkung ist wohl mehr als Vorwurf gedacht; aber ich glaube, das ist nicht gerecht von ihm gesehen. Ich bin ein Veteran der Sozialdemokratie. Ich bin am 28. April 1946 aus Protest gegen die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD in die SPD eingetreten und habe noch nie einen Grund gesehen, sie zu verlassen. Ich habe einiges an meiner Partei auszusetzen, aber sie ist doch so etwas wie meine Familie. Ich könnte nicht einmal austreten, wenn ich wollte. Ich gehöre einfach dazu.
Joachim Heise Vielleicht meinte Gaus, dass Sie nicht so recht den Stallgeruch der Sozialdemokratie verströmen …
Klaus Schütz Das mag sein.
Ralf Rytlewski Ich möchte einen Punkt aufgreifen, der sich gut in die Gegenwart hinein verlängern lässt. Sie haben während Ihrer Regierungszeit in Berlin die Formel gebraucht, dass West-Berlin zu einer normalen Stadt zu entwickeln sei. Das ist eine interessante Formulierung, weil alle Erfahrung zunächst dagegenspricht. Auch das Bewusstsein der Bevölkerung im Westen wie im Osten der Stadt hat irgendeinen schwer zu benennenden Kern, sich selbst als etwas Besonderes zu empfinden. Die Stadt Berlin ist insofern zu unterscheiden von Dortmund und vielen anderen Städten. Der Ort an Spree und Havel mit seinen politischen Geschicken der vergangenen Jahrhunderte und in der Gegenwart, die sich hier kreuzen, lässt die Stadt bis in die Gegenwart nicht normal sein. Was haben Sie mit Normalität gemeint?
Klaus Schütz Berlin ist eine ganz besondere Stadt. Ich habe zwölf Jahre aus beruflichen Gründen in Köln gelebt und muss einfach sagen: So, wie man in Berlin leben kann, kann man in keiner anderen deutschen Stadt leben. Diese Stadt hat für mich eine besondere Lebensqualität.
Ralf Rytlewski Sie sind 1992 nach Berlin zurückgekehrt …
Klaus Schütz Ich gehöre hierher; meine Familie hier ist der Mittelpunkt für mich und wird es immer bleiben.
Es ist das Problem aller anderen Städte, dass sie wissen, das Berlin etwas Besonderes ist. Die Touristen strömen in Massen her, junge Leute fühlen sich angeregt, hier zu leben usw. Mit dem Begriff Normalität wollte ich ausdrücken, dass ich einerseits mit allen Kräften danach strebte, den Bürgern dieser Stadt ein Leben zu ermöglichen, das so normal wie möglich sein sollte und dass mich andererseits die Meinung mancher Leute störte, wir würden hier in einer Ausnahmesituation leben. Wir hatten es geschafft, mit den drei Mächten und der Bundeshilfe und Ähnlichem eine Lebensqualität herzustellen, die man verglichen mit Köln usw. durchaus als normal bezeichnen konnte. Dennoch hielt sich außerhalb Berlins hartnäckig die Einschätzung, dass die Lage der Stadt alles andere als normal sei und dass bestimmte Dinge deshalb nicht möglich seien. Ich habe noch vor sechs Jahren eine Dame aus einem gehobenen Zirkel getroffen, die sagte, wie schön es ist, jetzt endlich wieder nach Berlin fahren zu können – vorher konnte man nicht. Ich bin allerdings der Meinung, dass man auch vorher konnte, weil die Normalität hergestellt war. Wir hatten Reiseverbindungen, wir hatten Besuchsmöglichkeiten.
Was uns fehlte, fehlt uns heute noch und wird wohl auch morgen nicht kommen: Dass irgendeine große Gruppe von Wirtschaftsführern in der Bundesrepublik Deutschland sagt: Wir gehen nach Berlin und nutzen alle Möglichkeiten, die dort vorhanden sind. Eine große internationale Firma kam einmal nach Berlin, sah sich um und hat sich dann in Hannover umgeschaut. Man beschloss, in Berlin die normalen Schreibmaschinen zu bauen, aber die moderne Computertechnik anderswo zu fertigen.
Es gibt einen Reiseführer in den USA namens Fielding. Das ist ein dickes Buch für Reisen nach Europa für die gehobenen Schichten. Kennedy soll, wenn er bei Wahlkämpfen müde geworden war, hineingesehen haben. Es war dort verzeichnet, was Madrid für schicke Restaurants hat usw. Dieser Reiseführer wurde jedes zweite Jahr neu aufgelegt. Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre ist dort über Berlin verzeichnet: Fahrt nach Berlin, seht euch die Stadt an – wir wissen nicht, wie lange ihr noch hinfahren könnt. Das zeugt davon, wie wenig »normal« die Situation der Stadt von außen eingeschätzt wurde.
Joachim Heise Im Zuge der Bestrebungen zur Herstellung von Normalität für die Einwohner West-Berlins wurden Besuchsreisen von West- nach Ost-Berlin ermöglicht. Ich erinnere mich noch sehr gut an Weihnachten 1963. Unsere gesamte Familie traf sich in einer Einzimmerwohnung im Prenzlauer Berg – wir waren 27 Personen – weil meine Tante nach zwei Jahren Trennung wieder nach Ost-Berlin einreisen konnte. Ich habe das nicht vergessen – ich war siebzehn Jahre alt, die Bude war rammelvoll und wir waren alle froh und glücklich …
Klaus Schütz Treffen Sie sich heute noch?
Joachim Heise Ja.
Klaus Schütz Wir nicht unbedingt. Wir treffen uns nur noch zu Begräbnissen.
Ralf Rytlewski Ich möchte noch einmal auf den Punkt der Normalität zurückkommen. Die Vier-Mächte-Konstellation ist beendet. Berlin ist wieder eine normale Stadt, vergleichbar mit den Stadtstaaten Hamburg und Bremen. Die Finanzausgleichssysteme sind etabliert und funktionieren; man geht gewissermaßen im föderalen Gleichschritt. Dennoch hat man den Eindruck, dass das irgendwie nicht die optimale Form für Berlin ist – gerade auch weil die Berliner an ihrem Empfinden festhalten, dass ihre Stadt ein Ort ganz eigener Art ist. Das gilt auch historisch und politisch. Die föderale Konkurrenz aber ist ungeheuer; Hannover und Stuttgart und inzwischen auch Dresden achten sehr scharf darauf, dass sich in Berlin nicht allzu viel akkumuliert. Müsste man diesen föderalen Kontext verändern? Müsste man für Berlin den gesamten Zuschnitt verändern?
Klaus Schütz Diese Frage ist leider nicht so offen, wie Sie und ich sie ansehen; leider denkt darüber keiner nach. Helmut Schmidt, den ich ja heute relativ oft erwähne – worüber ich mich wundere, denn ein so großer Fan von ihm bin ich nicht gewesen –, hat schon Anfang der 1990er Jahre gesagt, dass man für Berlin einen anderen Status finden muss – so etwa wie Washington, D. C. In den USA ist die Hauptstadt Washington als »District of Columbia« aus dem Verfassungssystem der Vereinigten Staaten herausgenommen, hat einen Sonderstatus bekommen und wird durch einen Ausschuss des Repräsentantenhauses regiert. Es gibt mehrere große Hauptstädte in der Welt mit Sonderstatus: in Brasilien, Argentinien und Mexiko – um nur drei zu nennen.
Die Situation ist relativ einfach zu erklären: Berlin war in den 1920er und 1930er Jahren eine Industriemetropole an sich und deshalb waren hier auch die großen Banken konzentriert. Viele waren der Meinung: Wenn die Wiedervereinigung kommt, wird es wieder so wie vor sechzig oder siebzig Jahren. Das war ein Irrtum. Durch die Jahre der Spaltung und durch die Existenz eines kommunistischen Systems in Ost-Europa hat es sich ergeben, dass die westdeutsche Wirtschaft in der Lage ist, die gesamte Welt zu beliefern, ohne weitere Investitionen im Osten zu tätigen. Sie braucht keinen Platz, wo sie Güter produziert; sie braucht Plätze, wo sie Güter verkauft – ob die in Korea liegen oder in Dresden oder in Mecklenburg, ist egal. Wir haben in West-Berlin immer so getan, als ob wir es mit den besten Wirtschaftsförderungsmaßnahmen – und wir hatten sehr gute Wirtschaftsförderungsmaßnahmen – und Arbeitnehmerförderungsmaßnah-men schaffen würden, den Status der verlängerten Werkbank zu überwinden. Wir waren aber und sind heute noch die verlängerte Werkbank der westdeutschen Industrie und ich sehe nicht, dass sich das ändert. Ich bin der Überzeugung, dass Berlin als Ganzes sich nicht selber tragen kann.
Ralf Rytlewski Wie kann man diesen Zustand überwinden?
Klaus Schütz Es gab in den letzten Jahren einige Versuche – und es wird sie sicher weiter geben –, bestimmte Sachen aus den West-Berliner Zusammenhängen heraus- und in die Bundesverantwortung hineinzunehmen. Heute sind es das Jüdische Museum und die Philharmoniker, morgen wird es sicherlich noch eine Oper sein und übermorgen kommt eine Universität dazu – das ist ein Durchbrechen der verfassungsmäßigen Ordnung, aber für meine Begriffe auf Dauer auch nicht die Lösung des Problems. Die Lösung des Problems wäre ein eigener finanzieller Status für die deutsche Hauptstadt, so wie ihn andere Staaten auch haben.
Ich saß vor einem halben Jahr einen Abend mit Helmut Schmidt zusammen und wir haben lange Zeit über Fragen dieser Art gesprochen. Er ist weiterhin der Meinung, dass das die einzig wirklich praktikable Lösung für die Stadt sei. Ich befürchte allerdings, dass sich keiner recht vorstellen kann, welche Einschränkungen damit auch für die Herren der Berliner Politik verbunden sind – man ist dann höchstwahrscheinlich nicht mehr der Regierende Bürgermeister von Berlin, man ist dann nicht mehr ein Senat, der im Bundesrat automatisch mitwirkt, wenn die großen Dinge dieser Welt entschieden werden. Aber das dürfte eigentlich nicht so wehtun.
Joachim Heise Unsere Gesprächsreihe heißt »Abendgespräche über Gott und die Welt«. Wir haben jetzt viel über die Welt gesprochen, über Gott überhaupt noch nicht. Ich habe in Ihren »Erinnerungen« gelesen, dass Sie die Bibel erstmals intensiver gelesen haben, als Sie Botschafter in Israel waren.
Klaus Schütz Ich möchte dem vorausschicken, dass ich Anfang der 1950er Jahre eine Pfarrerstochter aus Tempelhof geheiratet habe und damit schon vorbelastet war. Ich habe vor zwei Wochen an der Harvard-Universität die Paul-Tillich-Lecture gehalten, die dort alle Jahre gehalten wird. Ich habe das bewusst nicht als Mann der Theologie oder der Philosophie getan, sondern weil Paul Tillich der Onkel meiner Frau ist. Das ergab sich; ich bekam eine schicke Reise spendiert und konnte einen schönen Vortrag halten.
Zu Ihrer eigentlichen Frage: Ein Botschafter in Israel kommt ständig an Orten vorbei, die mit dem Alten und dem Neuen Testament in Beziehung stehen. Nach einer Weile muss man einfach in die Bibel reinschauen, um zu begreifen, wie das alles zusammenhängt. Als kleines Kind hatte ich diese Kinderversion der Volksbibel und ging auch in den Religionsunterricht, muss aber gestehen, dass davon wenig hängen geblieben ist. In Israel wurde ich mit einem ganz besonderen religiösen Ritus konfrontiert, der den gesamten Alltag durchzieht und irgendwann auch den eigenen Lebensrhythmus bestimmt. Ich wurde auf Fragen hingewiesen, die ich hier staatspolitisch nicht bedeutend fand. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis und deshalb und auch aus anderen Gründen haben meine vier Jahre in Israel einen ganz besonderen Wert für mich.
Ralf Rytlewski Sie waren in vielen Ämtern – als Staatssekretär, als Abgeordneter, als Regierender Bürgermeister – im Ausland. Daraus ergibt sich die Frage: Was für ein Bild macht man sich von der Stadt Berlin, dem Land als Ganzem und seinen Zukunftschancen in Israel oder Amerika?
Klaus Schütz In den letzten zehn Jahren hat sich Entscheidendes im Blick auf Deutschland verändert. Wir haben andere Möglichkeiten, weil wir mehr dazugehören als früher. Bestimmte Dinge, die naturgemäß für uns von ganz großer Bedeutung sind, bekommen eine andere Gewichtung – so z. B. das Thema Holo-caust und Judenvernichtung. Es wird nicht relativiert, ganz im Gegenteil, aber es wird eingeordnet. Ich habe das erste Mal den festen Eindruck, dass wir zu einer großen Familie von Staaten gehören. Bisher waren wir notwendige und wichtige Gäste – relativ wohlhabend, wenn nicht sogar reich. Jetzt sind wir ein Faktor mit anderen zusammen und als ein Faktor sind wir ganz anders respektiert als jemals zuvor. Unser Respekt ist jetzt nicht mehr so krampfhaft, wie er bis dahin gewesen ist. Man fühlt, dass wir in einer neuen Dimension leben, wenn man so sagen will – aber höchstwahrscheinlich immer noch mit dem alten Lebensgefühl.
Joachim Heise Die ersten Sätze und die letzten Sätze in einem Buch sind immer besonders wichtig. Der letzte Satz in Ihrem 1992 erschienenen Buch heißt: »Am Ende dieses Jahrhunderts und am Beginn eines neuen Jahrtausends ist Hoffnung berechtigt, und Zuversicht ist erlaubt.« Würden Sie das heute noch einmal als letzten Satz schreiben?
Klaus Schütz Ich würde die Zuversicht etwas stärker in Frage stellen. Ich glaube, wir befinden uns in einem grundsätzlichen Wandel, den weder wir noch unsere Sprecher oder wer auch immer richtig einordnen können. Wir haben den Zusammenbruch des kommunistischen Weltsystems noch nicht richtig verarbeitet. Wir haben noch keine klare Vorstellung von der Ordnung, die dem folgen muss. Wir versuchen immer noch mit unseren Begriffen, die wir das ganze Leben lang gelernt haben, das Geschehene einzuordnen – aber es passt nicht mehr.
Hans Magnus Enzensberger, einer der führenden Intellektuellen dieses Landes, hat im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen um Saddam Hussein diesen als einen neuen Hitler bezeichnet – und da ist etwas dran. Dann kam der 11. September. Wir dachten, wir hätten die Attacken auf unsere Lebenswelt, auf unsere Ordnung, in der wir leben wollen und die wir uns mühsam nach all den Schwierigkeiten des letzten Jahrhunderts erarbeitet haben, überstanden. Auf einmal müssen wir feststellen, dass eine Gruppe angetreten ist, die unsere Lebenswelt zerstören will. Deshalb würde ich die Sache mit der Zuversicht, so leid es mir tut und obwohl ich sonst immer versuche, optimistisch zu sein, heute mit größerer Vorsicht sagen, als ich es damals geschrieben habe.
Joachim Heise Meine Damen und Herren, es ist jetzt Gelegenheit, Fragen an Klaus Schütz zu stellen.
Publikumsfrage Mussten sie in Ihrer Amtszeit eine Entscheidung treffen, die Ihrem christlichen Selbstverständnis direkt zuwider war?
Klaus Schütz Ich möchte nicht überheblich wirken, aber ich habe das Gefühl, dass ich Gott sei Dank nie vor solch einer Entscheidung gestanden habe, wobei ich, bei allem Respekt vor anwesenden Meinungen, mit dem christlichen Selbstverständnis nicht ganz so klar bin. Ich bin auch da etwas distanzierter.
Ich habe das Glück gehabt, nicht vor Fragen gestellt zu werden, die mein Gewissen wirklich so tangiert hätten, dass ich gegen mein Gewissen hätte entscheiden müssen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass ich, als ich sehr jung war, auch als Soldat, diese Gewissensprüfung nicht ernsthaft genug vorgenommen habe. Ich bin nicht vor solche schrecklichen Entscheidungen gestellt worden wie andere meiner Altersgruppe. Ich hätte allerdings als Fünfzehnjähriger wissen müssen, was mit Juden passiert – aber ich hätte nicht einmal das Gefühl gehabt, irgendetwas dagegen tun zu müssen. Ich leide nicht darunter, aber ich empfinde das als eine Belastung. Insgesamt kann ich aber sagen, dass ich glücklicherweise nie vor einer solchen Gewissensentscheidung gestanden habe.
Christa Lewek Haben Sie in Ihrer Zeit als Regierender Bürgermeister von West-Berlin in irgendeiner Weise Kontakte zu Ost-Berlin gehabt? Wie war die Ostpolitik im Hinblick auf die »Hauptstadt der DDR«? Ich bin Ihnen dankbar für das, was Sie uns vorgetragen haben, aber es hat immer nur West-Berlin betroffen. Gerade die letzten Wahlen haben aber gezeigt, dass wir in dieser Stadt noch keine echte Gemeinschaft zwischen Ost und West haben. Haben Sie in Ihrer Amtszeit Beziehungen zu Ost-Berlin gepflegt?
Klaus Schütz Bis zum August 1961 war die Stadt ziemlich einheitlich – nicht in der Administration, aber wir haben uns wechselseitig gesehen und besucht. Wir waren mehr zusammen als jemals danach. Als ich Regierender Bürgermeister wurde, gab es so gut wie keinen formellen offiziellen Kontakt zum Magistrat von Ost-Berlin, weil der Magistrat diese Kontakte nicht haben durfte – ich hätte sie haben können. Ich hätte den Oberbürgermeister von Ost-Berlin auf einem Bürgermeistertreffen in Mailand treffen können, dann hätten wir uns höchstwahrscheinlich »Guten Tag« gesagt – ich jedenfalls hätte es getan.
Es gab lediglich die sogenannten technischen Kontakte auf der sogenannten unteren Ebene. Das musste sein, denn die Stadt war physisch nicht so teilbar, wie das durch die Vier-Mächte-Regelung politisch geschehen war. Die Wasserwege standen beispielsweise unter DDR-Hoheit; das heißt, wenn sie eine Brücke über irgendeinen Kanal bauen wollten, mussten sie sich mit den zuständigen Leuten im Osten verständigen. Diese technische Verständigung in beiderseitigem Interesse hat immer gut funktioniert.
Herrn Honecker habe ich das erste Mal 1987 bei seinem Staatsbesuch in der Bundesrepublik gesehen. Er weilte in Düsseldorf und Johannes Rau gab als Ministerpräsident ein Essen, zu dem ich freundlicherweise eingeladen war. Ich weiß nicht, ob mir viel entgangen ist, aber ich habe sonst nie mit Erich Honecker zu tun gehabt. Wir haben uns infolge der Hallstein-Doktrin selbst abgekapselt, wurden aber auch von der Ostseite abgeschirmt. Für die DDR-Seite waren wir eine Insel, die langsam wieder Festland werden sollte.
Klaus Schütz am 19. November 2001.

Joachim Heise Das Neue Deutschland titelte nach dem Rücktritt von Klaus Schütz: »Ein Kalter Krieger tritt ab, und keiner weint ihm eine Träne nach« …

Herr Dr. Schütz, wir haben uns beide das letzte Mal im September gesehen, als es im Rathaus Schöneberg um dreißig Jahre Berlin-Abkommen ging. Es gab demnach wohl doch Gelegenheit für Besuche – von Herrn Mitdank beispielsweise.
Klaus Schütz Er hat es mir erzählt, aber ich habe keine Erinnerung daran. Ich bin sehr vorsichtig, in Gerichtsverhandlungen zu gehen und einen Eid zu schwören, dieses oder jenes sei vor dreißig Jahren gewesen. Es gibt Dinge, an die ich mich nicht erinnere, obwohl das eine sehr wichtige Sache war. In den ersten Jahren wäre ein solcher Besuch unmöglich gewesen; später gab es Kontakte der Bundesrepublik zur DDR und so war ausnahmsweise der Besuch von DDR-Vertreter Mitdank möglich.
aus dem Publikum Zu Ihrer Eingangsbemerkung über die noch nicht wiedergewonnene Einheit der Stadt: Diese einheitliche Stadt ist am 1. Oktober 1920 durch die damalige sozialdemokratisch beeinflusste preußische Regierung diktiert worden und eigentlich haben wir in den seither vergangenen achtzig Jahren keine normale Entwicklung gehabt. Seit 1990 arbeiten wir daran, 8 Städte und 59 Landgemeinden zu einer Einheit mit einem einheitlichen Lebensgefühl zusammenzuschweißen.
Ich bin 1930 in Berlin geboren, mein Vater war mit seiner Familie 1920 aus West-Preußen nach Berlin übergesiedelt. Man hatte für die deutsche Staatsbürgerschaft optiert und er ist mit 40 Cousins und Cousinen ausgewandert, von denen sich 38 in Berlin angesiedelt haben. Wir haben uns damals oft besucht. Ich bin am Bahnhof Lichtenberg großgeworden, bin aber nie in meinem Leben nach Zehlendorf oder Konradshöhe gekommen. Alles spielte sich bis zum Wedding ab, weil ein Zweig der Familie im Wedding lebte. Wir sollten also heute über die Tren-nung nicht jammern. Nehmen wir mal die Insel Rügen, die ist nur 27 Quadratkilometer größer als Berlin. Wenn da ein Bewohner der Halbinsel Thiessow im Südosten nie in seinem Leben auf die Halbinsel Ummanz kommt, findet das jeder völlig normal.
Klaus Schütz Das entspricht auch meinem Gefühl. Ich habe übrigens die Formel von der »Mauer in den Köpfen« bewusst nicht gebraucht, weil ich sie für nicht richtig halte.
Es gibt aber Mentalitätsunterschiede, die sich beispielsweise auch in der Presselandschaft widerspiegeln. So ist die Berliner Zeitung eine fast exklusive Zeitung in einem Teil der Stadt und Der Tagesspiegel und die Berliner Morgenpost im anderen Teil. Ich hatte ein Interview mit einer Zeitung, die ich überhaupt nicht kannte: der SuperIllu. Ich fragte, wie hoch die Auflage sei: 700.000! Diese Zeitung gibt es nur in den neuen Ländern; der Stern hat im gleichen Gebiet eine Auflage von 8.000!
Auch das letzte Wahlergebnis zeigt einen Unterschied zwischen den Ergebnissen in Alt-West und Alt-Ost, wie er größer kaum sein könnte. Manches an diesen Unterschieden wird bestehenbleiben. Wir müssen nur darauf achten, dass die Lebensumstände sich angleichen und nicht auseinanderdriften.