Laudatio von Gerhard Rein

Zwei Gründe haben mich dazu bewogen, diese Laudatio zu übernehmen.

Der erste Grund: ich wollte Axel Noack wiedersehen, der wesentliche Titel trägt, Bischof und Professor, der mir aber bisher immer so begegnet ist, dass sein Name auch ohne diese bedeutenden Funktionen gut auskam. Es ist schön, Sie hier zu treffen.

Herr Noack hat mich um eine kurze Laudatio gebeten.

Bevor ich nun also zum Schluss komme: Ich freue mich, dass Dr. Anke Silomon diesen Preis erhält. Noch keine fünfzig und schon als Zeithistorikerin ausgezeichnet. Wunderbar.

Was ich mich in den letzten Wochen immer wieder frage, ist dies: Wie werden wohl Zeithistoriker die Epoche beschreiben, in der wir gerade leben?

Auf der Titelseite der englischen Tageszeitung THE GUARDIAN wurden Anfang August 2015 die Leser, auch ich, mit der Frage konfrontiert: “Are you a Merkel?“ (Bist Du ein Merkel)

Berichtet wurde von einem neuen Verb im Duden. Bei einer Umfrage des Langenscheid-Verlags unter Jugendlichen in Deutschland habe mit weitem Abstand das Verb „merkeln“ den ersten Platz belegt.

Mit „merkeln“ ist die Bedeutung verbunden: abwiegeln, kleinreden, ein Problem aussitzen, keine Entscheidungen treffen, sich nicht genau festlegen. Frau Silomon, Sie qualifizieren sich nicht als ein Merkel.

Aber dann erinnert man sich: die Frau, die diesen Namen trägt, hat uns jahrelang eingeredet, dass ohne Wachstum, ohne Atomkraft alles nichts sei, und dann ändert sie nach einem Erdbeben in Japan dramatisch ihren Kurs. Sie erklärt vor Jahren „multikulti“ für tot, und jüngst noch für eine Lebenslüge, offenbar Templiner Monokultur vor Augen, und gerade strahlte sie auf selfies mit jungen Männern um die Wette, die ziemlich multi-kulti-mäßig wirkten. Im Juli diesen Jahres bringt sie in Rostock ein junges palästinensisches Mädchen zum Heulen, als sie ihr erklärt, Deutschland könne nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Zwei Monate später öffnet sie die Grenzen, spricht von achthunderttausend Flüchtlingen für Deutschland und ist sich sicher: Wir schaffen das.

Wie werden Zeithistorikerinnen damit umgehen, dass über Nacht in zahlreichen Ländern der Welt das Bild des „hässlichen Deutschen“ sich wandelte, und dreißig, fünfunddreißig Nächte später Chöre angestimmt werden, die ihre alte Merkel wieder haben wollen, die merkelnde Merkel.

Werden die jubelnden Menschen am Münchner Bahnhof in Vergessenheit geraten und wieder überschattet von einem anderen München-Bild, zu dem auch Hitlers erste Reden in den Bierkellern der Stadt gehören?

Wir werden diese Schatten ja sowieso nicht los. Sie führen mich zu einer zweiten Frage: Are you a Scholder? (Sind Sie ein Scholder?) Und damit zu einem zentralen Thema Ihrer Arbeit, Frau Silomon. Wie gehen wir mit der nationalsozialistischen Vergangenheit um?

Der Tübingen Historiker Klaus Scholder hat sich vor allem mit den Kirchen und dem Dritten Reich beschäftigt. Seine Arbeiten wurden hoch gelobt, er selbst ist bis heute umstritten. Ich will das an einem Beispiel erläutern: Otto Dibelius gehörte der Deutschnationalen Volkspartei an, deren Parteislogan lautete 1924: „Wer nicht wählt, wird Judes Sklave“. 1922 notierte Dibelius: „Das jüdische Element ist unausgesetzt im Wachstum begriffen ... es ist die unerwünschte Blutmischung, die dem deutschen Volk das einheitliche Fühlen und Wollen so ungeheuer erschwert.“ Seinen kirchlichen Mitarbeitern berichtete Dibelius stolz, er selbst habe seit seiner Studentenzeit „gegen Judentum und Sozialdemokratie gestanden“.

Erst vor zwei Jahren habe ich wirklich begriffen, warum in der Stuttgarter Schulderklärung vom Oktober 1945 (fast auf den Tag genau vor siebzig Jahren gegenüber einer ökumenischen Delegation abgegeben) kein einziges Wort von der Schuld an den Juden steht. Dibelius hatte dafür gesorgt. Der Kirchenkampf war ein Kampf um die Kirche. Kein Kampf gegen die Nazis. Kein Kampf für die Juden. Kein Kampf für die Anderen. Der Kirchenkampf ein Mythos und Otto Dibelius ein bekennender Antisemit.

In meinem Bücherregal gibt es eine Sammlung von Portraits bedeutender Protestanten, die Klaus Scholder Anfang der 80er Jahre herausgegeben hat. Dreizehn enge Druckseiten: Scholder über Dibelius. Das Wort Antisemitismus kommt darin nicht vor. Eine einzige Schande.

Otto Dibelius spielt natürlich auch in Anke Silomons bemerkenswerter Monografie zur Potsdamer Garnisonkirche im 20. Jahrhundert eine wesentliche Rolle. Wer sich für die aktuelle kontroverse öffentliche Diskussion um den Wiederaufbau der Garnisonkirche interessiert, wird sich auch mit Anke Silomons Beitrag dazu befassen.

„Der Tag von Potsdam“, der greise Hindenburg und Adolf Hitler am 21.März 1933 vor und in der Garnisonkirche, gehören zu den irritierenden Bildern unseres historischen Gedächtnisses. Viele wissen davon. Aber Anke Silomon setzt früher ein und schildert, wie der Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt war von einem Pastorennationalismus und von der babylonischen Gefangenschaft des Protestantismus im Nationalen (Manfred Gailus). Daraus erklärt sich, dass die Garnisonkirche eine heilige Stätte des Preußentums werden konnte, in der „vaterländische Abendmusiken“ zur nationalen Pflicht wurden, und in der 1919 General Erich Ludendorff eine Schmährede auf die Weimarer Republik halten konnte. Der Militarismus als demokratische Schule für sittliche Ertüchtigung, oder so ähnlich. Dass nach dem legendären Datum 21. März 33 Nationalsozialisten die Garnisonkirche weiterhin für ihre Propaganda nutzen wollten, war nur zu verständlich. Mal sagte der Kirchengemeinderat dazu ja, mal nein. Baldur von Schirach zelebrierte 1934 eine Fahnenweihe der HJ in der Garnisonkirche. Aus dem Potsdamer Infanterieregiment 9 gehörten nach Anke Silomon etwa zwanzig Soldaten der Garnisonkirche an. Darunter auch Henning von Tresckow, dessen Söhne 1943 in der Garnisonkirche konfirmiert wurden.

Geflüstert oder laut wird Frau Silomon sicher die Erwartung zur Kenntnis genommen haben, die Garnisonkirche müsse als Hort der Verschwörer des 20. Juli darzustellen sein. Souverän und unabhängig setzt sich Anke Silomon davon ab. Sie zitiert Tresckow, der seine Söhne darüber belehrt, dass richtig verstandenes Herrentum dazu führe, dass „preußisch-deutsches Denken vom christlichen Denken nicht zu trennen sei“.

Anke Silomon beschreibt die Nachkriegsgeschichte der Garnisonkirche, ihre Sprengung 1968, die Heilig-Kreuz-Gemeinde und ihre Arbeit in und um der Ruine der Garnisonkirche.

Darf eine Laudatio auch kritische Anmerkungen enthalten?

Den Titel der Garnisonkirchen-Arbeit halte ich für unglücklich. „Pflugscharen zu Schwertern – Schwerter zu Pflugscharen“ gehört zu einer anderen Geschichte. Nicht zu dieser.

Gegenüber den aufregend erzählten Episoden um Ludendorff und Schirach geht die Autorin mit dem 21. März 33, dem Tag von Potsdam, eher zurückhaltend um. Dabei wird doch die Predigt von Otto Dibelius bemerkenswert genug gewesen sein. Es gibt bei einigen Theologen, auch Juristen, auch Historikern, die einem diktatorischen System zunächst nahe standen, die Neigung, später durch eigene Geschichtsschreibung sich rehabilitieren zu wollen. Sie kennen das alle. Ich weiß, ich bewege mich hier auf dünnem Eis.

Wir lernen ja durch Beispiele. In dem von Margot Käßmann herausgegeben Buch: „Gott will Taten sehen“, Untertitel: Christlicher Widerstand gegen Hitler (meine Vermutung geht dahin, dass Anke Silomon den Hauptteil der Arbeit an diesem Buch geleistet hat), also in diesem Band wird der württembergische Bischof Theophil Wurm als christlicher Widerständler gewürdigt. Wurm hat sich im Juli 1940 mit einem Brief an Reichsinnenminister Wilhelm Frick gegen das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten öffentlich ausgesprochen. Ein mutiger Schritt. Wurm war, wie seine Bischofskollegen in München und Hannover, ein Antijudaist, der das neue Regime begrüßt hatte und bei jeder gewonnenen Schlacht seine Gemeinden anwies, die Glocken läuten zu lassen. Anke Silomon verschweigt das nicht. Sie notiert, dass dieser Bischof dem NS-Regime das Recht zugestand, das „Judentum als gefährliches Element“ zu bekämpfen. Silomon berichtet auch, dass Wurm nach 1945 die Stille Hilfe mit gegründet hatte, eine Organisation, die nicht nur Opfern, sondern vor allem NS-Tätern zur Seite stand. Wie kann diese Ambivalenz dazu führen, Wurm für einen christlichen Widerständler zu halten, der nun dem Kanon der Guten zuzurechnen sei? Ist dies das Dilemma, aus dem die historische Forschung uns nicht entlässt?

Gustav Mahler hat einmal davon gesprochen, dass das Beste in seiner Musik keineswegs in den Noten stehe.

Zeithistorikerinnen werden solche Einsichten vermutlich für ihre Profession weit von sich weisen. Sie irren sich. Anke Silomons Bücher über „Synode und SED- Staat“, also über die Görlitzer Synode 1987, und über die Friedensarbeit der Evangelischen Kirchen in der DDR, mit dem hier zutreffenden und berechtigten Titel „Schwerter zu Pflugscharen …“, sind in ihrer präzisen, genauen Darstellung für mich weit mehr als nur der Text.

Die Görlitzer Synode des DDR-Kirchenbundes mit ihren schrillen Diskussionen darüber, was dem SED-Staat „zumutbar“ sei, mit der Ablehnung eines Antrags der Berliner Bartholomäus-Kirche gegen Praxis und Prinzip der Abgrenzung innerhalb der DDR-Gesellschaft, den umherschwirrenden, darob äußerst besorgten Genossen des Staatssekretariats für Kirchenfragen: diese Synode habe ich als den Beginn der protestantischen Revolution in der DDR beschrieben. Und obwohl ich als Zeitzeuge sowieso alles besser weiß als die Verfasserin, finde ich das Buch über Görlitz ganz und gar gelungen.

Als der unübertrefflich angepasste Lothar de Maizière (damaliger Spottname: Lothar, die Misere), vom Präsidium der Synode aus, die Abgesandten der Bartholomäus- Gemeinde aus dem Saal wies und ihnen verbot, ihre Texte in der Synode zu verteilen, ging ihnen Manfred Stolpe hinterher bis zum Gartenzaun, ließ sich alle Pamphlete der Bartholomäer geben und legte sie selbst den Synodalen auf ihre Plätze. Ein typischer Stolpe eben.

Sie dokumentieren das, Frau Silomon, aber ein Problem bleibt für den Zeitzeugen. Auf ihre Anfrage hin schreibt er der Autorin aus Johannesburg, wo er gerade arbeitet, dass er deutlich in Erinnerung habe, wie in Görlitz eine Lederjacke sich empörte: Dies sei die Konterrevolution. Sie befragen die Lederjacke. Sie könne sich an diesen Ausspruch nicht erinnern, antwortet sie. Meine deutliche Erinnerung und keine Erinnerung stehen kommentarlos nebeneinander. Ganz glücklich darüber bin ich nicht. Sie sehen beide Seiten, nicht nur meine. Das Schicksal der Zeitzeugen. Was bleibt von den Kirchen der DDR, bleibt überhaupt etwas? Und wer hat die Stammtisch-Hoheit über die Deutung der Geschichte der Kirchen in der DDR? Vor Kurzem habe ich einen Vortrag vom Mai 2014 von Wolf Krötke gelesen. Diesem klugen theologischen Lehrer und Prediger. Die Barmer Theologische Erklärung, Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Eberhard Jüngel gehören zu den wichtigen Bezugspunkten im Denken Wolf Krötkes. In dem besagten Vortrag macht sich Krötke her über Reinhard Höppner, über Albrecht Schönherr und vor allem über Heino Falcke. Krötke bestreitet, was alle drei immer wieder betont haben, dass nämlich die Barmer Theologische Erklärung von 1934 in den Kirchen der DDR eine Bedeutung hatte und sie nachhaltig prägte. Falckes Barmen-Interpretation habe zu einer Art Anerkennung des sozialistischen Staatswesens geführt, so Krötke.

In den Büchern Anke Silomons kann man die immense Bedeutung Heino Falckes für die Kirchen in der DDR nachlesen. Die von ihm ausgehende Ermutigung zum freiheitlichen, kritischen Denken hat nicht nur den SED-Staat immer wieder herausgefordert, sondern vor allem jüngeren Menschen geholfen, Widerstand einzuüben.

Nicht in Theologischen Kommissionen erfährt man etwas über die Relevanz der Barmer Erklärung in der DDR, sondern in der Realität der Auseinandersetzungen zwischen Christen und dem SED-Staat. Die wesentlichen Freiheitstexte in der Spät- Phase der DDR sind in der Ökumenischen Versammlung entstanden. An ihr hat Krötke nicht teilgenommen.

Eine Vermutung will ich äußern: Nicht von Berlin, sondern von Erfurt, Dresden, Stendal, Magdeburg sind die Impulse für die Ökumenische Versammlung ausgegangen. Nicht in Berlin, sondern in der Provinz hat der politische Umbruch seinen Ausgang genommen.

In besonnenen Fußnoten, genauer Dokumentation, präzisen Details lerne ich von Anke Silomon, meine polemischen, journalistischen Deutungen infrage zu stellen. Kein Merkel, kein Scholder, kein Krötke.

Sie sind Anke Silomon, und der zweite, eigentliche Grund, warum ich hier das Wort nehme. Damit sind wir am Anfang.