Dankesrede von Dr. Anke Silomon

Liebe Frau Dähn, lieber Axel Noack, lieber Achim, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde und – das ist mir nach etwa 22 Jahren wissenschaftlicher Forschung über Kirche und DDR wichtig zu sagen und geht ganz selbstverständlich über meine Lippen: Liebe Schwestern und Brüder! Vielen, vielen Dank! Lieber Gerhard Rein, danke für diese inhaltsreiche und auch ein wenig nachdenklich stimmende Laudatio!

Ich bin sehr stolz, diesen Preis in Nachfolge der verdienten Preisträgerinnen des Jahres 2013, Christa Stache und Ruth Pabst, sowie der Preisträger des vergangenen Jahres, Friedrich Winter und Rudolf Mau, bekommen zu haben. Was mich richtig glücklich machen würde, wäre, wenn Horst Dähn heute hier wäre. Aber wenn er nicht gestorben wäre, gäbe es vermutlich den Preis und damit diesen Anlass nicht. Ich kann nicht genau datieren, wann ich Horst kennengelernt habe, aber fest steht, dass ich mit meiner DDR- und Kirchenforschung noch ziemlich am Anfang stand. Er aber hatte mit seiner Habilschrift „Konfrontation oder Kooperation? Das Verhältnis von Staat und Kirche in der SBZ/DDR 1945 –1980“, erschienen im Jahr 1982, bereits früh damit begonnen, als Politikwissenschaftler einen erstaunlich quellenbasierten Blick auf die Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR zu werfen. Reinhard Henkys, der Doyen der Berichterstattung über die Kirchen in der DDR, schrieb in seinem Vorwort zum Buch, Horsts Arbeit könne einen Anstoß dazu geben, die „Relevanz nichtsozialistischer Lebensbereiche für das Gesamt dieses Staates und seiner Gesellschaft“ endlich wahrzunehmen.

Dieser Impuls wurde aber nur sehr spärlich aufgenommen. Es musste erst ein Ereignis eintreten, mit dem zumindest zu diesem Zeitpunkt niemand mehr oder möglicherweise auch noch nicht gerechnet hatte, obwohl die friedliche Demokratie- und Bürgerrechtsbewegung die DDR-Oberen immer stärker ins Schwitzen brachte und der Ruf nach Selbstbestimmung und (Reise-)Freiheit immer lauter wurde. Vielleicht einer der schönsten Treppenwitze der Geschichte, ein stotternder Günther Schabowski, ließ auf der Pressekonferenz am 9. November 1989 „sofort, unverzüglich“ die deutsch-deutschen Grenzen fallen. Von nun an war das geteilte Deutschland nicht nur ein historisches Phänomen, sondern nach der Vereinigung beider deutscher Staaten gleichfalls ein abgeschlossenes Forschungsfeld. Für einen Wissenschaftler eine ebenso komfortable Situation wie für so manchen Westberliner die Insellage der Stadt, die nicht nur Nachteile mit sich brachte. Zum Beispiel konnten intellektuelle Diskurse und Debatten durchaus in einem überschaubaren Rahmen verhandelt werden. In bestimmten Bereichen war man nicht gezwungen, die Käseglocke anzuheben.

Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte Deutschlands insgesamt stieß also plötzlich die Zeit der deutschen Teilung auf besonderes Interesse. Und vor allem weil die evangelischen Kirchen in der DDR als einzige nicht vom SED-Staat einverleibte Organisation nicht nur maßgeblich die Oppositionsbewegung unterstützt und geschützt, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur friedvollen „Wende“ geleistet hatten, rückten auch sie in den Fokus. Ich will sie nicht mit einem Forschungsüberblick langweilen, aber doch nochmal an die Anfänge der Staat-Kirche-Forschung nach dem Kollaps der DDR erinnern: Da waren die ganz Schnellen, allen voran Gerhard Besier, der mit seinen schlecht recherchierten sozusagen enthüllungsjournalistischen Büchern viel Schlimmes angerichtet und verhindert hat, dass eine gründliche, den wissenschaftlichen und ebenso den ethischen Standards der Zunft entsprechende Forschung sich etablieren konnte. Die halbe DDR schien von der Stasi korrumpiert, Heerscharen von IMs wurden an den Pranger gestellt und verachtet. Die Deutungshoheit übernahmen entweder die über jeden Zweifel erhabenen Oppositionellen oder die von so manchem Berliner nach wie vor so genannten Westdeutschen.

Im Erscheinungsjahr von Besiers erstem Buch, zehn Tage nach dem Nationalfeiertag der DDR, hoben Horst Dähn und Joachim Heise das Berliner Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung aus der Taufe, ein Politikwissenschaftler aus Stuttgart (aber geborener Berliner!) und ein ehemaliges Mitglied der Akademie der Gesellschaftswissenschaften der DDR. Ihr Anliegen, ihr Ziel? Die Beschäftigung „mit Fragen der Geschichte der Staat-Kirche-Beziehungen in der DDR und anderen ehemals realsozialistischen Staaten“, die Untersuchung der „Politik der herrschenden Machteliten gegenüber Kirche und Religion, der Stellung der Kirchen und Religionsgemeinschaften zum Staat sowie des Alltags der Christen“. Der historische Vergleich spielte und spielt dabei eine zentrale Rolle. Anfangs gehörte etwas Unerhörtes dazu, nein war vielleicht sogar die Voraussetzung für die Arbeit des Instituts: Begegnungen von Funktionären der evangelischen Kirche und ehemaligen Exponenten des SED-Staats. Kritischer Austausch, Diskussionen, Annäherung, Versöhnung oder Distanzierung. Was es meiner Erinnerung nach nie gab: reflexartige Beschuldigungen, Verurteilungen, Gegeneinander. Auch nicht: Weichspülerei, Vertuschung, Rechtfertigung. Aber die öffentliche Wahrnehmung war anders: Hier treffen Funktionsträger, Macher, Schuldige aufeinander, die sich ihrer Vergangenheit entledigen, ihrer Verantwortung entziehen wollen. Rote Socken mit Parteibuch und opportunistische Christen mit der Bibel unterm Arm. Ohne weitere Klischees bemühen zu wollen, das Institut hat gekämpft gegen diese Ressentiments und versucht, für das Einander-Zuhören und das Verständnis füreinander zu werben, ohne Grenzüberschreitungen und Verletzungen zu verleugnen. Ihre Leiter haben versucht, den Weg der evangelischen Kirche in einem atheistischen und totalitären Staat nachzuzeichnen, den Weg zwischen Konfrontation und Kooperation aufzuzeigen, wie Horst Dähn ihn zutreffend benannt hat.

Ich möchte einen Blick zurück werfen auf die Ausgangslage: Die protestantischen Kirchen – die sich in Gestalt der 1948 gebildeten Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) nur für kurze Zeit in der privilegierten Situation einer moralisch weitgehend integren und organisatorisch intakten Sprecherin aller Deutschen befunden hatten – gerieten in ein doppeltes Spannungsverhältnis: Zunächst konfrontiert mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR, also der Teilung Deutschlands, kam der evangelischen Kirche die Rolle als letzte gesamtdeutsche Klammer zu, die sie rasch in ihr Selbstverständnis integrierte. Das erste Schlüsselerlebnis im Sinne einer Vorahnung der politischen Konsequenzen der Teilung sowie der Unnachgiebigkeit und Härte, mit der die Regierung der DDR ihre Pläne durchzusetzen gewillt war, war der Volksaufstand am 17. Juni 1953, der schwerwiegende innenpolitische Ursachen hatte und entsprechende Wirkungen auslöste – ganz abgesehen von seiner außen-, wenn nicht gar weltpolitischen Bedeutung. Die DDR-Bevölkerung musste erfahren, dass die SED-Führung die „Feinde“ des Aufbaus des Sozialismus nicht nur in den untergehenden Klassen verortete oder mit den Bürgern Westdeutschlands gleichsetzte, sondern ebenfalls jede Abweichung in den eigenen Reihen und unter den Arbeiterinnen und Arbeitern entschlossen bekämpfte. Durch die unterschiedliche Blockbindung an NATO und Warschauer Pakt und das Schwinden der Hoffnung auf die deutsche Wiedervereinigung wurde die Lage für die evangelische Kirche in der DDR bedrohlicher. In der DDR wurde die sogenannte Jugendweihe eingeführt, die eine gewollte, deutliche Konkurrenz zur Konfirmation darstellte. Denn die Staats- und Parteiführung erkannte die Wichtigkeit, vor allem auch die Kinder und Jugendlichen für ihren Staat zu gewinnen. Mit der Jugendweihe wollte sie den Einfluss der Kirche im Sinne einer christlichen Prägung unterbinden. Ein „Dauerbrenner“ in den Auseinandersetzungen zwischen Staat und evangelischer Kirche wurde bereits frühzeitig die Frage der sozialistischen bzw. kommunistischen Erziehung – und blieb es bis zum Ende der DDR. Der nach dem 17. Juni 1953 vorübergehend eingestellte Kampf gegen die Kirchen in der DDR wurde 1956, im Jahr des von sowjetischen Truppen blutig niedergeschlagenen Ungarn-Aufstands und der sogenannten Entstalinisierung, wieder aufgenommen. Nach der Zustimmung der EKD-Synode zum Militärseelsorgevertrag zwischen der EKD und der Bundesregierung im Jahr 1957 brach die DDR die Kontakte zur EKD ab. Der EKD-Bevollmächtigte Heinrich Grüber verlor Mitte Mai 1958 seine Anerkennung und die DDR-Regierung akzeptierte nur noch kirchliche Verhandlungspartner mit Wohnsitz in der DDR. Am 13. August 1961 wurde die Mauer gebaut und die Klammer „Kirche“ zwischen den beiden deutschen Staaten zwangsläufig und schnell zur nicht immer tragfähigen Brücke. Kurt Scharf, Ratsvorsitzender der EKD, wurde am 31. August 1961, aus West-Berlin kommend, die Einreise zu seinem Ostberliner Wohnsitz verweigert. Sein DDR-Pass wurde eingezogen. Am 18. August 1964 kam es zu einem Treffen zwischen dem Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht und dem bevorzugten Gesprächspartner der SED-Regierung Landesbischof Moritz Mitzenheim auf der Wartburg. Dabei wurde zwar festgestellt, dass die gemeinsame humanistische Grundlage von Christen und Marxisten eine Zusammenarbeit von Kirche und Staat in der DDR ermöglichen könne. Es wurden jedoch keine verbindlichen Regelungen in Aussicht gestellt oder wie auch immer geartete Vereinbarungen getroffen.

Nachdem der 1969 auf Druck der SED gebildete Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR sich mit Artikel 4 (4) seiner Ordnung zu der „besonderen Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland“ bekannt hatte, sprachen Synode und Kirchenkonferenz der EKD in Stuttgart am 15. Mai 1970 ebenfalls das Bekenntnis zur „besonderen Gemeinschaft“ sowie ihre daraus resultierende „Mitverantwortung für die Gemeinschaft“ und die Wahrnehmung der sich daraus ergebenden Aufgaben „für ihren Bereich in freier Partnerschaft mit dem Bund“ aus. Die evangelische Kirche in der DDR stand nun endgültig auf eigenen Füßen und musste ihren Platz in der DDR-Gesellschaft finden. Ihre Arbeit an einer Standortbestimmung in einem Staat mit atheistischer Weltanschauung musste verbunden werden mit dem Versuch, Arbeitsbeziehungen zur Staats- und Parteiführung und den ihr untergeordneten Organen aufzubauen. Die beidseitige Betonung „humanistischer Grundanliegen“ sollte sich dabei als hilfreich und hemmend zugleich erweisen: Die SED-seitige verbale Zusicherung der Glaubens- und Gewissensfreiheit, das gemeinsame Ziel der Friedenssicherung sowie nicht zuletzt der Anspruch eines Sozialismus-Modells in Gestalt einer gerechten Form menschlichen Zusammenlebens standen keineswegs im Widerspruch zu Dienst und Auftrag einer christlichen Kirche. Ferner weckte die unterschwellig signalisierte Bereitschaft des Staates, die Kontaktaufnahme des BEK mit der Ökumene nicht zu unterbinden, Hoffnungen. Jedoch zeigte sich sukzessive, dass Christen in der DDR- Gesellschaft nicht gleichberechtigt waren, sondern im Blick auf Bildungschancen und berufliche Entfaltung benachteiligt wurden. Die Bedeutung von Frieden wurde ebenso unterschiedlich ausgelegt, wie die Frage seiner Sicherung und entsprechender (politischer) Lösungsansätze Divergenzen zutage treten ließ. Die Förderungswürdigkeit der ökumenischen Beziehungen des Kirchenbundes maß die SED in erster Linie am potentiellen Nutzen für ihre völkerrechtliche Anerkennung. Und schließlich wurde der BEK zwar am 24. Februar 1971 offiziell vom Staat anerkannt, doch blieben grundlegende Forderungen und Vorgaben wie die klare Abgrenzung von der EKD – selbstverständlich auch von der Bundesrepublik insgesamt – bestehen und wurden als Druckmittel benutzt. So hatte die Staats- und Parteiführung dem Bund keine verlässlichen geschweige denn verbindlichen Zusagen gemacht oder mit ihm Vereinbarungen getroffen, die das künftige Staat- Kirche-Verhältnis regelten. In dieser Gemengelage schien dem BEK die von der zentralistisch aufgebauten SED erwünschte Rolle eines kirchlichen Gebildes mit stark föderalistischen Strukturen zuteil zu werden, mit dessen Gliedern separat Konflikte um „Einzelfälle“ ausgetragen werden sollten. In Aussicht stand eine nur schwer kalkulierbare Entwicklung, die der evangelischen Kirche in der DDR weder Anlass zur Resignation noch zu ungebrochenem Optimismus bot.

Ich möchte nun nicht weiter den Weg des DDR-Kirchenbundes in der DDR referieren – die meisten von Ihnen kennen ihn und viele von Ihnen sind ihn mitgegangen. Vielmehr möchte ich den Bogen zurückschlagen zu der von Horst Dähn gestellten Frage, ob man im Blick auf die Beziehungen zwischen evangelischer Kirche und SED-Staat eher von „Konfrontation oder Kooperation“ sprechen kann. Ich denke, dass sowohl Konfrontation als auch Kooperation das Staat-Kirche-Verhältnis ausmachten. Sicher gab es Phasen, in denen die Konfrontation dominierte und andere, in denen die Kooperation an erster Stelle stand. Doch letztlich kann man die DDR und die Rolle der evangelischen Kirche innerhalb des Staatsgefüges nicht verstehen, wenn man sich nicht die Notwendigkeit dieses Wechselspiel bewusst macht. Beide Seiten mussten in bestimmten Gemengelagen miteinander kooperieren und sogar die Hand ausstrecken, während andere Situationen einen scharfen Konfrontationskurs erforderlich machten, alles andere hätte Stillstand bedeutet. Horst Dähn hat es bereits 1982 erkannt: „Die Bewältigung ihrer eigenen Probleme wie auch der Probleme im Verhältnis zu ihrer Umwelt, zum Staat, wird der […] Kirche gelingen, solange sie ihre Position im Sozialismus als Standort zwischen ‚unfruchtbarer Konfrontation und ungläubiger Akklamation‘ [Hans Joachim Fränkel, Görlitzer Bischof] beschreibt und zur Maxime ihres Handelns macht“. Das klingt ohne Frage sehr vollmundig, ist aber meine feste Überzeugung: Wenn es gelänge, diese Tatsache einer breiten Öffentlichkeit bewusst und verständlich zu machen, könnten nach 25 Jahren weitere Grenzen überwunden werden – die in den Köpfen der Deutschen. Damit würden wir im Sinne des Instituts und des Namensgebers des Preises, mit dem Sie mich heute ausgezeichnet haben, handeln.

Für diese Anerkennung möchte ich mich noch einmal sehr, sehr herzlich bei allen Beteiligten bedanken.