Trauerrede für Dr. Rosemarie Schumann von Dr. Joachim Heise

Gewöhnlich treffen wir uns hier in diesem Raum des Kirchlichen Archivzentrums, um über Gott und die Welt zu diskutieren. Heute ist alles anders. Wir wollen gemeinsam Abschied nehmen von Dr. Rosemarie Schumann, wir wollen an sie erinnern und ihr danken, dass wir ein Stück ihres Weges mit ihr zusammen gehen konnten. In unsere Trauer um Rosemarie Schumann wollen wir all jene einschließen, die in den zurückliegenden Wochen und Tagen Opfer von terroristischen Anschlägen überall auf der Welt geworden sind: in Beirut, auf der Sinai-Halbinsel, in Mali, in Paris und wer weiß, wo sonst noch. Ich begrüße ganz herzlich die Tochter, Frau Kerstin Schenke, den Schwiegersohn und die Enkel, ebenso die Kollegen von Rosemarie und alle Freunde unseres Instituts. Es war Rosemaries ausdrücklicher Wunsch, hier zusammenzukommen, nicht zu einer Trauerfeier, sondern zu einer Stunde des Erinnerns und Gedenkens. Wir sind diesem Wunsch gern nachgekommen.

Rosemarie Schumann war schon dabei, als wir am 10. März 1994 unsere ersten Institutsräume in der Planckstraße 20 eröffneten. Dort hatten die Quäker bereits in den 1920er Jahren ein Büro eröffnet, das zu einem wichtigen internationalen Treffpunkt und in der NS-Zeit zu einer oft lebensrettenden Adresse für Bedrängte und Verfolgte wurde, gleich welcher Nationalität, Rasse, Religion oder Weltanschauung. Auch in der DDR-Zeit blieb das Quäker-Büro ein Ort des freien Wortes und der tätigen Hilfe. An diesem historischen Ort fühlte sich Rosemarie mit ihrer Lebensgeschichte und ihren Forschungen – wie auch wir – gut aufgehoben.

Das Institut wurde mit der Zeit ihr geistiges Zuhause. Hier traf sie auf Menschen, deren Lebensbahnen ähnlich brüchig geworden waren wie ihre. Hier traf sie auf Christen, die den Dialog und das angstfreie Gespräch über die jüngste Geschichte suchten und denen Versöhnung wichtiger war als Hass und Vergeltung.

Sie wurde in den Vorstand des Trägervereins gewählt, brachte ihre Erfahrungen und Ideen ein, um zu helfen, das Institut zu einem besonderen Ort des wissenschaftlichen Diskurses für Menschen aus Ost und West und von Christen und Nichtchristen zu machen. Sie versäumte nur wenige Veranstaltungen unseres Instituts und diskutierte, solange es ihre Kräfte erlaubten, engagiert mit. Sie fuhr mit uns zu Kirchentagen, um das Institut und seine Arbeit einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren und hat als Autorin bzw. Herausgeberin maßgeblichen Anteil an zwei Institutspublikationen, zum einen über das Schicksal der Russlanddeutschen und zum anderen über das Leben und Wirken des Journalisten Reinhard Henkys.

Je älter sie wurde, desto mehr beschäftigte sie das Thema „Verlust der Heimat und die Suche nach einer neuen Heimat“. In dieser Frage fühlte sich Rosemarie den Russlanddeutschen und auch Reinhard Henkys, der seine ostpreußische Heimat hatte verlassen müssen, sehr nahe. Sie selbst, am 19. August 1940 in Breslau geboren, erlebte als Fünfjährige die Schrecken des Untergangs ihrer Heimatstadt und die Flucht mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter im Januar/Februar 1945. Vielleicht sind sie dabei sogar meiner Mutter, meiner Großmutter und meinen zwei Brüdern begegnet, die zur gleichen Zeit aus der Nähe von Bromberg kommend in Richtung Westen flüchteten. Als sie in Bautzen angekommen waren, sahen sie aus der Ferne Dresden in Flammen. Rosemarie, ihre Mutter und Großmutter schafften es schließlich in ein Dorf in der Nähe von Torgau zu einem Bruder ihrer Mutter. Dort sah Rosemarie auch ihren Vater wieder, der aus italienischer Gefangenschaft heimkehrte. Torgau und die Brücke über die Elbe wurden zu einem Ort bzw. einem Bauwerk, die Geschichte gemacht hatten. Hier reichten sich Amerikaner und Russen die Hände und freuten sich gemeinsam über den Sieg über die Nazi-Barbarei. Rosemaries Vater, in Breslau als Bauunternehmer tätig, spielte dabei eine ganz wichtige Rolle. Die Russen hatten ihm nämlich den Auftrag erteilt, die Brücke wieder passierbar zu machen.

1952 kam sie nach Berlin und studierte bis 1963 an der Humboldt-Universität Germanistik und Anglistik. Hier lernte sie auch Hans-Joachim Meyer kennen, der am 22. Mai Gast in unserem Institut war, um hier in diesem Raum mit mir über seine Erfahrungen im geteilten und vereinten Deutschland zu sprechen. An diesem Tag hat Rosemarie, von ihrer schweren Krankheit gekennzeichnet, das letzte Mal an einer Institutsveranstaltung teilgenommen und sich sehr gefreut, uns alle und ihren Kommilitonen Meyer wieder zu treffen. Sie ahnte sicher, dass es das letzte Mal sein könnte.

Nach ihrem Studium wurde sie als Lehrerin in Lauchhammer eingesetzt. 1963 heiratete sie das erste Mal und ging wieder zurück nach Berlin, um dort im Verlag „Volk und Welt“ eine Stelle anzutreten. Bis 1968 arbeitete sie in der Redaktion der „Zeitschrift für Geschichtswissenschaft“ mit. Bis zur Abwicklung des Instituts für Geschichte an der Akademie der Wissenschaften arbeitete sie dort als Historikerin und machte sich einen Namen als profunde Kennerin der Friedensbewegungen vor und nach dem 1. Weltkrieg, des Pazifismus und des antifaschistischen Widerstands. Hier hatte sie auch ihren zweiten Mann kennengelernt, den sie 1973 heiratete.

Durch diese Forschungen kam sie mehr und mehr auch in Kontakt mit Christen, von denen sich viele in der Gossner Mission engagierten. Aus dieser Zeit stammen Kontakte und auch Freundschaften, die bis zu ihrem Lebensende Bestand hatten. Ich bin öfter gefragt worden, ob Rosemarie im Laufe ihres Lebens religiös geworden sei. Ich kann diese Frage nicht eindeutig beantworten, übrigens auch die Tochter nicht. Soviel scheint mir allerdings sicher: Rosemarie fühlte sich dem christlichen Wertekanon und einem von christlichen Werten getragenen Leben sehr verbunden und je älter und auch kränker sie wurde, davon angezogen.

Rosemarie Schumanns wohl wichtigstes Werk ist und bleibt ihr Buch über Kurt Huber. Es ist als 66. Band der Schriftenreihe des Bundesarchivs 2007 im Droste Verlag Düsseldorf erschienen. Das Buch handelt von den Leistungen dieses Mannes auf den Gebieten der Philosophie, der Musikwissenschaft, der Psychologie und der Volksliedforschung. Im Rahmen der Aktionen der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ verfasste er ein Flugblatt und wurde deswegen 1943 verurteilt und enthauptet. „Mit diesem Lebensopfer steht Huber als einziger Hochschulprofessor gegen die Unterlassungen der deutschen Professorenschaft in dunkler Zeit“, heißt es im Klappentext zu diesem Buch. Ihre ganze Kraft und ihre lebenslang gesammelten Erfahrungen in der wissenschaftlichen Arbeit hat sie in dieses Werk gelegt. Wie schwer es war, dieser Persönlichkeit näher zu kommen, beschreibt sie in der Einleitung zu dieser Studie: „Hubers Beweggründe, sich gegen den Nationalsozialismus zu stemmen, ankerten in seinem tiefen Verwobensein mit der abendländischen Philosophie und deren Geschichte, in der christlichen Religion und einer besonderen Inobhutnahme des deutschen Volks- und Volkstumsgedankens, wie er sich im Zeitalter der Romantik herausgebildet hatte. Damit stehen wir vor dem Einspruch von nahezu enzyklopädischer Dimension, der sich grundsätzlich von anderen Widerstandsmotiven seiner Zeit unterscheidet.“

Diese besondere Qualität der Widerstandsmotive Hubers wissenschaftlich überzeugend aufbereitet und sprachlich brillant dargestellt zu haben zeugt von den besonderen Gaben der Historikerin Rosemarie Schumann. Mit diesem Buch wollte sie es insbesondere denen beweisen, die nach dem Ende der DDR an der wissenschaftlichen Qualifikation von DDR-Historikern grundsätzlich zweifelten und ihnen unterstellten, von morgens bis abends nichts anders getan zu haben, als SED-Parteipropaganda zu fabrizieren. Sie hat unter der Geringschätzung und Abwertung ihrer wissenschaftlichen Arbeit und der ihres Mannes Wolfgang Schumann gelitten. Die Arroganz und Selbstgerechtigkeit, die einige ihrer westdeutscher Kollegen ihr gegenüber an den Tag legten, haben sie schwer verletzt. Als ihr Mann in dieser Lebenskrise starb, fühlte sie sich von der Welt verlassen und suchte Halt, neue Aufgaben und eine neue Perspektive.

Rosemarie hat dem Buch über Kurt Huber den Titel gegeben „Leidenschaft und Leidensweg“. Leidenschaftlich war auch sie allemal. Sie hatte, wie so viele ihrer Generation, einen Traum, einen Traum von einer besseren, gerechteren, friedlicheren Welt. Lange hat sie geglaubt und sich dafür eingesetzt, diesem Traum in und mit der DDR ein Stück näher zu kommen. Diese Hoffnung hat sie immer wieder über ihre alltäglichen Enttäuschungen geschoben. Bis sie schmerzlich erkennen musste, so wie die DDR gebaut war, hatte sie keine Zukunft und war dem Untergang geweiht.

Wissenschaftlichen Streit ging Rosemarie nicht aus dem Wege und kämpfte leidenschaftlich. Auch ich habe dies mehrfach erlebt. Wo andere an der Oberfläche bohrten, da wollte sie tiefer loten. Wo andere sich schnell mit einer gängigen Formulierung, einem vernutzen Ausdruck zufrieden gaben, da suchte sie so lange, bis sie eine Formulierung, einen Ausdruck gefunden hatte, der dem Ganzen einen neuen Klang verlieh und Denken von alten Verkrustungen befreite. Wo andere auf halber Strecke bei der Beschreibung von historischen Sachverhalten und der Analyse des Handelns historischer Persönlichkeiten stehen blieben, da fing ihre Suche nach der Wahrheit, nach den Schichten unter der Oberfläche, erst richtig an.

Auch im Leben der Rosemarie Schumann gab es Phasen, die den Titel „Leidensweg“ durchaus rechtfertigen würden: Die Flucht und die Suche nach einer neuen Heimat, die Sehnsucht nach einem erfüllten Ehe- und Familienleben, die Leiden ihres Mannes, die persönlichen Verletzungen nach dem Untergang der DDR und nicht zuletzt die eigene schwere Krankheit, die ihr immer wieder die Lebens- und Arbeitskraft zu nehmen drohte. Als wir zusammen an dem Buch über Reinhard Henkys arbeiteten und sich das Ganze in die Länge zog, da trieb sie mich immer wieder an „Du, Achim, ich möchte dieses Manuskript noch als Buch sehen. Ich habe nicht mehr lange Zeit!“ Sie hat das Erscheinen des Buches Ende 2012 erlebt. Aber ihre Zeit ging dennoch schnell ihrem Ende entgegen. Sie starb am 5. November in Berlin.

Wir verlieren mit Rosemarie eine Historikerin in unseren Reihen, die ihr „Handwerk“ verstand, die süchtig nach anspruchsvollem wissenschaftlichen Dialog, die sensibel im Umgang mit historischen Sachverhalten und historischen Persönlichkeiten war und formulieren konnte, fern ab von gestanzten parteipolitischen Worthülsen und gängigen Floskeln des heutigen Mainstreams. An dieser Stelle möchte ich aus einem Brief zitieren, den mir Dr. Günter Krusche, ehemals Generalsuperintendent von Ost-Berlin, nach der Gründung unseres Trägervereins Vorsitzender seines Vorstands, heute geschrieben hat.

Günter Krusche, selbst schwer krank, schreibt:
Der Tod von Rosemarie Schumann erfüllt mich mit Trauer, auch wenn ich weiß, dass sie nun von ihren Leiden erlöst ist und ihren Frieden gefunden hat. Ich bin ihr schon vor der „Wende“ begegnet. Sie kam in mein Büro und suchte das Gespräch mit mir, wie so manche reformbereite Genossen, die eine bessere DDR wollten. Es begann ein Dialog zwischen Christen und Marxisten mit großen Hoffnungen. Ich erinnere mich an ein Wort von ihr: „Die Bibel sollte in den Lehrstoff der Schulen aufgenommen werden. Das wäre gut für unser Land“. In jenen Jahren hatte sie einen todkranken Mann zu pflegen. Trotzdem war sie noch beruflich aktiv: Ich bewunderte ihre große Tapferkeit.

Eine große Freude war mir die Wiederbegegnung im Institut für vergleichende Staat-Kirche-Forschung von der Gründung an. Ihre konstruktiven Gesprächsbeiträge halfen mir, unseren Weg zu finden.

Ich erinnere mich an die Vorstellung Ihres Buches „Fremde Heimat“ in Marzahn, wo sie in einer aufgeladenen Atmosphäre ihre Frau stand und zur Verständigung beitrug, indem sie Verständnis zeigte.

Besonders beeindruckte mich ihr umfangreiches Buch „Leidenschaft und Leidensweg“ über Professor Kurt Huber, den Förderer der „Weißen Rose“. Sie hat in dem Buch bewiesen, dass sie sich einfühlsam und doch präzise in Menschen hineinversetzen kann. Dabei beschränkte sie sich nicht nur auf die historische Methode, sondern bezog andere Betrachtungsweisen mit ein. Dass sie trotz der schon beginnenden Krebskrankheit die Verhandlungen und Reisen noch auf sich nahm, habe ich mit Respekt vermerkt. Doch die Mühen haben sich gelohnt.

Darüber hinaus war sie ein liebenswerter Mensch, den wir schmerzlich vermissen.

In Dankbarkeit und Verehrung
Dr. Günter Krusche

Mir bleibt am Schluss nur, Rosemarie Schumann zu danken für alles, was sie für die historische Wissenschaft, für unser Institut und jeden von uns persönlich getan hat.

Rosemarie, Du bist und bleibst Teil der Geschichte unseres Instituts. Wir werden Dein Andenken bewahren.